Anna Carla Kugelmeier während ihres Vortrags im Rahmen der Akademischen Abschlussfeier der Fakultät für Philologie an der Ruhr-Universität Bochum

Foto: Mike Springob

Im Rahmen der Akademischen Abschlussfeier der Fakultät für Philologie an der Ruhr-Universität Bochum durfte ich in der vergangenen Woche meine Bachelorarbeit vor circa 400 Zuhörern (Absolventen, Angehörige, Fakultätsmitglieder) vorstellen. Für alle, die nicht dabei waren, gibt es hier den Vortragstext:

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

ich möchte Sie bzw. euch heute gern auf eine Zeitreise mitnehmen – auf eine Reise hundert Jahre zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs mit dem einen oder anderen Abstecher in die Gegenwart. Der Anlass: meine Bachelorarbeit, die ich Ihnen bzw. euch im Folgenden kurz vorstellen werde.

Erlauben Sie mir eine Vorbemerkung: Meine medienwissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit der Filmpropaganda im Deutschen Reich und in Öster­reich-Ungarn während des Ersten Weltkriegs. Bei einem solchen Thema be­steht natürlich die Gefahr, dass mein Vortrag, womöglich untermalt von drasti­schen Bildern aus dem Schützengraben, die festliche, gelöste Stimmung dieses Abends nachhaltig trübt. Das ist mir durchaus bewusst. Sehen Sie es mir deshalb bitte nach, wenn ich anlässlich der heutigen Veranstaltung medial nicht alles präsen­tiere, was vielleicht zu präsentieren wäre.

Angesichts der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit beschränke ich mich auf fünf Aspekte.

Erstens: Wenn wir auf die Begriffe Propaganda bzw. Reichspropagandaministe­rium stoßen, denken wir in erster Linie an den Nationalsozialismus und an Joseph Goebbels im Speziellen. Doch ist das Propagandaministerium keine Erfindung der Nationalsozialisten. Überlegungen, eine solche Institution einzu­richten, gab es bereits im Ersten Weltkrieg. Der Krieg brachte nicht nur zahl­reiche technische und militärtaktische Neuerungen wie Gasangriffe, Tank­schlachten oder den Stellungskampf mit sich. Er war auch der erste moderne Medienkrieg: Neben Zeichnungen und Fotografien wurde das recht junge Medium Film besonders in der zweiten Hälfte des Kriegs erstmals in größerem Umfang publizistisch genutzt, um eine kollektive, einheitliche Ausrichtung des Bewusstseins der Zuschauer durchzusetzen. Zum ersten Mal kommunizierten Militär, Regierung und Privatwirtschaft das Kriegsgeschehen mithilfe von Bewegtbildern, um die Bevölkerung patriotisch einzustimmen. Dies galt für die Mittelmächte – Deutschland, Österreich-Ungarn – genauso wie für die Entente – Frankreich, Großbritannien, Italien, die USA. Wie erfolgreich Filmpropaganda sein konnte, zeigten vor allem die Briten mit ihrem Film „The Battle of the Somme“ von 1916. Konkret plante deshalb die deutsche Regierung – sozu­sagen als me­diale Gegenoffensive – die Einrichtung einer eigenen Propaganda­behörde. Das Kriegsende kam der Umsetzung dieser Pläne jedoch zuvor.

Zweitens: Dass das Medium Film als besonders chancenreiches Propa­gandamittel angesehen wurde, kam nicht von ungefähr. Zum einen bot es – scheinbar – einen besonders authentischen Blick auf das Ge­schehen. Schließlich sahen die Betrachter ja alles sozusagen mit eigenen Augen. Zum andern handelte es sich beim Film um ein absolut massen­kompatibles Werkzeug: Als ursprüngliche Jahrmarktattraktion für breite Be­völkerungskreise wie als des Kaisers Lieblingsmedium (Kaiser Wilhelm II. gilt als eine der meist­gefilmten Persönlichkeiten ihrer Zeit) erreichte es alle Schich­ten der Gesell­schaft. Der Film war also gleichermaßen ansprechend wie über­zeugend – und das mit großer Breitenwirkung. Konnte sich ein Propagan­dist ein effektiveres Medium wünschen?

Als wie wichtig die inländische Filmpropaganda erachtet wurde, zeigt sich unter anderem daran, dass im November 1917 das preußische Kriegsministerium alle verantwortlichen Stellen anwies, „trotz Einschränkungen auf dem Gebiet der Strom- und Kohleversorgung den Betrieb der Lichtspieltheater aufrechtzu­erhalten“.

Die Wirkung dieses neuen Mediums war freilich mitunter umständlich und bis­weilen auch teuer erkauft. Heute sind mobile Camcorder oder Smartphones für die Filmaufnahme allgegenwärtig, im Ersten Weltkrieg jedoch waren die Apparaturen noch groß, klobig und mit circa 35 Kilogramm auch nicht gerade mobil. Hinzu kam, dass sie, wenn sie über den Schützengraben gehalten wurden, aufgrund ihrer optischen Ähnlichkeit mit Maschinengewehren das gegnerische Feuer auf sich zogen. Teleobjektive gab es nicht; das verwendete Filmmaterial war wenig lichtempfindlich, es lie­ferte nur kontrastarme Schwarz-Weiß-Bilder; die zumeist benutzte 35-Milli­meter-Normalfilmkassette ermöglichte eine Auf­nahmedauer von lediglich 100 Sekunden. Aus diesen aus heutiger Sicht unzu­reichenden technischen Um­ständen versuchten die Kameraleute (so sie den Fronteinsatz überlebten) das Beste zu machen, indem sie die Filmaufnahmen zum Beispiel nachträglich in Gelb, Blau oder Rot einfärbten. Diese Technik der Viragierung, bei der das Filmband in unterschiedliche Farbbäder getaucht wird, diente der Hervorhebung der emotionalen Bildbotschaften. Das ohnehin ge­neigte Publikum nahm eine solche Interpretationshilfe dankbar an.

Die Viragier-Technik führt uns gleich zu einem dritten Aspekt: Schon im Ersten Weltkrieg war Filmpropaganda eine Mischung aus (wenig) Realität, aus Weglassen bzw. Verschweigen und aus bewusster Inszenierung.

Gleich welche filmischen Bilder dieses Kriegs wir betrachten: Sie sind hoch­gradig künstlich: „Der Erste Weltkrieg im Film ist ein konstruierter Krieg“. Für uns heute gilt: Mögen die Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg aufgrund ihrer aus moderner Sicht beinahe unbeholfenen Inszenierung auch authentisch er­scheinen, so sind sie doch in hohem Maße Ergebnis einer Selektion aus mög­lichen Motiven bzw. Ereignissen.

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ – dieser dem US-Senator Hiram Johnson zugeschriebene Ausspruch gilt auch hier: Motivwahl, Fokussie­rung, Ausschnitt oder Montage führten mitunter zu beträchtlichen Verbiegungen bzw. Veränderungen der Realität im Sinne einer Dramatisierung. Und war es technisch oder aus militärischen Gründen nicht möglich, das Frontgeschehen tatsächlich abzubilden, so wurden spektakuläre Szenen kurzerhand nachgestellt und zum Beispiel mit echten Aufnahmen von Explosionen in der Ferne kombi­niert. Ein Meister der Inszenierung war beispielsweise Graf Kolowrat-Krakowsky von der österreichischen Sascha-Film: „Für den Durchmarsch einer Maschinen­gewehrabteilung durch ein Seengebiet fingierte er Feindbeschuss, indem er Dut­zende blinder Handgranaten zünden ließ. Die so entstehenden Wasserfontänen und der einsetzende Schlammregen, zwischen denen sich die Packpferde auf­bäumten, wirkten auf das Publikum realer, als es authentische Bilder imstande gewesen wären“ (Moser 2014, „Die Helden hinter der Kamera“).

Nach konservativen Schätzungen dürften kaum mehr als zehn Prozent aller Wochenschauberichte echte Kampfhandlungen gezeigt haben; andere Schätzun­gen sprechen von immerhin 20 Prozent tatsächlichen Kriegshandlungen in den Filmaufnahmen. Ohnehin seltene Möglichkeiten der Operateure, realistische Kampfszenen oder Kriegstote aufzunehmen, wurden meist vermieden. Die Verbreitung der wenigen Gefechtsaufnahmen und mit ihr alle filmischen Bilder vom Leid und Sterben an der Front unterband außerdem die Zensur aus militär­taktischen Gründen. Kam der Tod doch einmal im Kinofilm vor, so nur mit Bil­dern von „Heldengräbern“ oder ausschließlich als Verluste des Gegners. Einige Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von einem „volkspädagogisch ge­bremsten Realismus“ der Filme.

Dass unser medialer Blick auf den Ersten Weltkrieg getrübt ist, hat allerdings nicht nur mit den eingesetzten Propagandatechniken zu tun, sondern, zumindest was Deutschland angeht, auch ganz banale Gründe. Nach Schätzungen existie­ren nur noch 10 Prozent der Filme, die zwischen 1896 und 1918 im Deutschen Reich produziert wurden. Dies liegt vor allem in den kriegsbedingten Verlusten des Reichsfilmarchivs im Zweiten Weltkrieg begründet. Ähnliche Verluste ver­zeichnete das Filmarchiv Austria übrigens nicht; hier lagern aus dem Ersten Weltkrieg noch Hunderte Filmrollen.

Ich komme zum vierten Aspekt. Nicht jede Propaganda ist automatisch auch eine wir­kungsvolle Propaganda – das gilt nicht nur heute, sondern galt auch schon für den Ersten Weltkrieg. Actionarme Aufnahmen, auf denen nichts oder nicht das Er­wartete zu sehen ist, werden vom Publikum als langweilig und austauschbar gebrandmarkt.

Der propagandistisch gemeinte Film an sich kann also Propaganda ad absur­dum führen – aber auch die institutionellen Rahmenbedingungen können die Propagandawirkung abschwächen oder zunichte machen, wie ich im Folgenden zeigen werde.

Werfen wir einen Blick auf das Deutsche Reich: Nachdem anfänglich konser­vative Kreise der Militärs Filmpropaganda ver- bzw. behinderten, erkannten machtvolle modernisierende Kräfte innerhalb des Militärs ab Mitte des Krieges dessen Bedeutung. Einen kräftezehrenden Machtkampf zwischen Verwaltung, Militär und privater Filmwirtschaft konnten sie jedoch nicht mehr stoppen. Die­ser Faktor und die lange Zeit föderal-dezentrale Organisation der Propaganda führten zu einer zwar hohen Aktivität mit jedoch nur geringem Erfolg.

Ganz anders verhielt sich das Militär in Österreich-Ungarn: Dieses pflegte von Beginn an eine zentrale Filmpropaganda. Besonders auffällig ist diesbezüg­lich, dass durch die frühe Nutzung auch ein deutlich stärkeres machtstrukturie­rendes bzw. -widerspiegelndes Herrschaftsbild mit starkem Personenkult ver­mittelt wurde.

Allerdings erreichten, wie bereits erwähnt wurde, weder das Deutsche Reich noch Österreich-Ungarn in ihrer Filmästhetik – etwa mittels Re-enactment (also dem Nachspielen echter Szenen) – Propagandaerfolge vergleichbar denen der Ententemächte.

Kommen wir zum fünften und letzten Punkt: Was lehrt uns die Geschichte der Filmpropaganda für unseren heutigen Bilderkonsum?

Mit den (Er-)Kenntnissen aus dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Filmpropaganda im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts weiter: Die National­sozialisten etablierten – wie vorhin schon erwähnt – das bereits im Ersten Welt­krieg geplante Propagandaministerium und schalteten in der Folge die Kriegs­berichterstattung gleich. Aber auch im Vietnam- und im Golfkrieg spielte Film­propaganda eine entscheidende Rolle.

Heute ist Filmpropaganda, so behaupte ich, so einfach herzustellen wie noch nie – und das nicht nur von politischen Institutionen oder dem Militär, sondern zunehmend auch von privater Seite, wie uns tagtäglich die zahllosen Youtube-Videos von den Konflikten in Syrien, Ägypten, Mali usw. im Netz und – mit­unter direkt übernommen – in den Fernsehnachrichtensendungen vor Augen führen. Die „Perfektion“ (in Anführungszeichen!) heutiger Filme, sei es in Form verwackelter Handyvideos, sei es in Form einer Kriegsberichterstattung durch embedded journalism (also einen in eine Kriegspartei eingebetteten Journalis­mus), erschwert immer mehr die Aufdeckung der Propagandawirkung.

Ein Blick auf die Anfänge der Filmpropaganda mit all ihrer Unbeholfenheit und ihren „Fehlern“ kann hier das Bewusstsein auch für die Rezeption aktueller Medien schärfen. Wir müssen uns bewusst werden, Bildern – gleich ob als Film oder als Foto – zu misstrauen. Der Schriftsteller Peter Handke hat dies be­reits Mitte der 1990er-Jahre formuliert:

Was weiß der, der statt der Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt oder, wie in den Fernsehnachrichten, ein Kürzel von einem Bild oder, wie in der Netzwelt, ein Kürzel von einem Kürzel?

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